Der Rückzug

So wie ich, wird heutzutage niemand mehr geboren.

Auch wenn einige wie ich geboren worden sind.

Ich war das einzige schwarze Exemplar einer Sammlung bunter gleichförmiger Wesen, die nebeneinander aufgereiht jahrzehntelang regungslos in einem Kasten an der Wand hingen, bis, eines durchschnittlichen Tages aus unserem Glas gehoben, unser echtes Leben begann.

Ich wusste bis dahin nie, warum nicht mehr geschah.

Meine Regungslosigkeit verband sich mit der unbändigen Lust aufzubrechen. Den stickigen Kasten in Kristalle zu zerbersten und zu schauen, wozu mein Körper ist.

Doch nichts geschah. Ich blieb stumm und fest und dicht verschlossen. Die letzte Phase meiner langen Geburt war eine unerbittliche Kette aus ein und demselben Zustand.

Kein einziger Flügelschlag aus unseren Reihen machte sich auf, um unseren Sarg zu zerbrechen. Zwecklos darauf zu hoffen.

So sah meine Hoffnung aus.

Nur die Gesichter, die uns ansahen, änderten sich ständig. Tausende Augen starrten mich an, dumpfe Stimmen dröhnten hinter dem Glas zu mir her. Nachdem sie sprachen, ermüdend, verstummten sie und schauten eindringlich weiter. Falten, Augenbrauen, Mundwinkel, Nasen.

Wer mich sah, war ich nicht. Und wie ich gesehen wurde, war ich auch nicht.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Augen mich ansahen. Beziehungsweise sahen sie nicht, wer ich wirklich war. Ich konnte mich nicht in ihrem Blick verstehen. Ich war so wenig darin, wie ein Fluss im Wasser. Ich würde allerdings nicht sagen wollen, dass diese vielen Augen durch mich hindurchgesehen hätten. Das war die Schwierigkeit. Irgendwie sahen sie mich doch.

Ich prägte mir die Variationen, die ich sah, auf dieselbe Weise ein, wie ich gesehen wurde, und hatte am Ende einen dicken Katalog irrender Spiegel in meinen Gedanken flimmern.

Dagegen lebte ich an.

Die Geburt ist also ein mühseliger Zustand.

Ein sich gnadenlos hinziehendes Ende ohne jeden Ausdruck. So als habe man absichtsvoll die Uhr auf einen unerreichbaren Zeitpunkt gestellt, zu dem sie klingele und müsste nun alles geben, um auf diesen Moment zu warten.

Zwar wird behauptet, dass der Tod das Ende ist, doch ich wusste, dass das nicht stimmt.

Und das sogar, obwohl ich nicht viel wusste.

Ich wusste weder, was vor dieser Zeit lag, noch, wie man ihr entkommen konnte.

Ich wusste auch nicht, was nach dieser Zeit kam, noch, wie man sie verhindern sollte, falls sie eine Bedrohung war.

Später erzählten wir uns, wir hätten uns im Müll zu grauem Staub zusammengerafft und nannten diese Phase die Zeit der Asche.

Doch niemand, dem ich je begegnet bin, konnte sich an die Asche seiner Geburt erinnern.

Ich bin unsicher und verachte die Spekulationen, deswegen schweige ich viel und weiß fast nichts.

Ich wusste nur, dass ich einen Körper hatte.

Ich wollte mich bewegen.

Aber ich wusste nicht, was ein Körper war. Die Präzision, mit der meine Flügel an die Wand geheftet waren, die Fühler mit Stecknadeln über mich gesetzt, ließ meinen Körper feststecken. Ich spürte ihn. Dennoch erregte mein Zustand Zweifel.

Später erlebte ich, dass man durchaus auch anders geboren werden konnte, wenn man ein Schmetterling war.

So beobachtete ich eines Tages die Geburt meiner Art aus dem Rachen kleiner Amselschnäbel. Sie gaben die zerquetschten Teile eines Schmetterlings aus ihren kleinen schreienden Mündern an die Amselmutter ab, die dann die komplizierte Aufgabe von ihnen erhielt, das Tier zusammenzusetzen. Die Amsel, der ich zusah, tat es geschickt, nahezu übermütig, flog davon und setzte das Wesen auf eine Blüte mit gelb-gepunktetem Muster. Der Schmetterling bekam das gleiche Muster, entfaltete sich und durfte nun leben.

Ich schloss daraus, dass viele Schmetterlinge auf diese Art ihr Muster erhalten. Sie imitieren ihre erste Berührung.

Es gibt viele Arten zu einem Muster zu kommen, aber der Ursprung meines eigenen Musters blieb unbekannt. Wahrscheinlich hätte ich in den Nachthimmel geschmissen werden müssen, doch das ist nie geschehen.

An einem Tag im Mai, einige Zeit, nachdem wir abgehängt und beweglich wurden, setzte ein Mensch uns aus. Als er uns in den Wald brachte, nannte ich ihn Waldemar.

Obwohl ich meinem Ende jetzt so nahe bin, dass mein langer Anfang in mir auf die Größe einer geviertelten Erbse geschrumpft sein müsste, fühle ich den schmerzhaften Druck der Menschenfinger an meinem neugeborenen Körper noch immer.

Waldemars schwitzige Fingerkuppen zerrten und zogen an mir. Sie berührten mich an allen Stellen, die mir heilig waren, sie machten mir Angst. Angst und sie machten mich lebendig. Ich hatte Schmerzen. Insbesondere solche, die mit den Fäden zusammenhingen, die mir ausgezogen wurden. Ich blutete, mir wurde der Kleber aus den Flügeln gerissen, Schaumstoff. Als ich endlich vollkommen lebendig war, flatterte ich mit einigen anderen lebendig gewordenen Schmetterlingen in einer Kiste mit Luftlöchern herum und wurde mit ihnen in den Wald gebracht.

Da ich nicht wusste, was ein Wald war, hatte ich Angst erneut geboren und in einem weiteren Glaskasten aufgehängt zu werden.

Das durfte nicht passieren.

Alles, was ich wollte, war zu sterben. Das war spätestens jetzt das Ziel meines Lebens.

Jetzt bin ich dem Sterbenso nah, dass ich mich kaum noch traue zu atmen oder zu fühlen. Ich lebe schon so lange und aufwändig auf das Sterben zu, dass die Vollendung meines Ziels mir unendlich weit weggerückt vorkommt. Als müsste jede weitere Sekunde die Länge meines gesamten Lebens wiederkäuen.

Es ist schwerer zu sterben als ich dachte, doch ich werde nicht aufgeben.

Wollen alle Schmetterlinge sterben?

Was ich auch will, fragen kann ich niemanden mehr. Auch das ist Sterben.

An dem Tag, als mich Waldemar in den Wald freiließ, liefen ihm Tränen in die Augen.

Es war ein wunderschöner Tag und sobald ich den Wald sah, wusste ich, dass ich von nun an darin leben würde. Waldemar, ein Mensch mit ungeschickten Händen, band ein dünnes Seil an meinen Körper und ließ es langsam in die Luft steigen. Viele weitere Schmetterlinge stiegen so an seiner Hand in die Luft. Er ging mit uns tief in den Wald hinein, stellte die Seile, an denen wir hingen wie heliumdralle Geburtstagsluftballons auf den Boden und beschwerte sie mit einem Stein. Dann knotete er uns einer nach dem anderen frei, um uns in seinen Kescher zu stecken. Er nahm den Kescher, in dem wir steckten und wedelte mit ihm in der Luft.

Es war ein komplizierter Vorgang, der an schamanische Rituale erinnerte, aber am Ende von ihm konnte ich fliegen.  

Heutzutage gibt es keine Keschergeburten mehr und ich trauere um all jene, die dadurch verpasst worden sind. Wenn man den Schmetterlingen nicht erlaubt zu sterben, ist kein Leben für sie möglich. Vielleicht hat Waldemar deshalb geweint. Vielleicht waren wir die Letzten, denen er das Leben gab, so aufwändig es auch gewesen sein musste.

Obwohl ich nicht wusste, in welche Form ich finden sollte, um eines Tages sterben zu können, empfand ich meinen Flügelschlag von Anfang an als eine Befreiung. Ich konnte gar nicht mehr damit aufhören.

Ich zog meine Fühler durch den Himmel wie zwei Federn durch die Wolken. Die Feinde, die sich in der Luft bewegen konnten, wichen aus, weil ich so schön war. Und wenn ich auf einer Blüte landete, war das Leben prall.

In dieser Zeit war ich glücklich, weil ich jeden Schlag meiner Flügel in der Luft, jeden Regentropfen, der sich von mir aus in den Himmel abhob, als einen Sturm gegen die Erstarrung verstand, die mich einstmals in die Stirnfalten der Menschen hatte starren lassen, wie in ein Gewölbe der Finsternis.

Das Stirnrunzeln eines Menschen ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe, und sobald ich Menschen sah, flog ich aufgebracht davon.

Nur ein einziges Mal machte ich eine Ausnahme.

Es war ein Mädchen, das mich ansah, wie mich kein einziges Auge in meinem Kasten je angesehen hat.

Dieses Kind hatte strahlende Augen. Es sah mich und ich spürte, wie sehr es mich sah. Spürte, wie sehr es mich liebte. Also setzte ich mich in ihr Haar, flog um sie herum, und setzte mich auf ihre Hand. Ihre dünnen kleinen Finger waren zärtlich und ihre Haut war weich. Ich vermute, dass es sich hierbei nicht um einen echten Menschen handelte. Eher um eine nah verwandte Art.

Als ich davonflog, hüpfte das Mädchen in die Luft und tat so, als wollte es mich fangen. Ich werde nie vergessen, wie glücklich wir beide waren. Wahrscheinlich wusste das Mädchen nicht, wie sehr ich Menschen hasse oder es hätte ihm nichts ausgemacht.

Es ist komisch, dass der Anfang meines Lebens so sehr von der Anwesenheit der Menschen gekennzeichnet ist, während in der darauffolgenden Welt meines Lebens nur eine einzige freiwillige Begegnung mit ihnen stattfand.

Die Menschengesichter blieben trotz aller Distanz auf ewig in mich eingeschrieben.

Und ich frage mich noch heute, welche Bedeutung daraus zu ziehen ist. Warum waren sie so zahlreich anwesend gewesen? Was bedeutete ich ihnen? Hatten sie Angst vor mir? Was verbarg sich hinter ihren Augen? Was verbarg sich in mir?

Ich weiß es nicht.

Andere Schmetterlinge berichten, dass sie noch nie einem Menschen nahegekommen sind. Keinem einzigen. Die meisten verbinden mit ihrem Anfang die Vögel. Doch auch hier herrscht kein großes Erinnern.

Es scheint mir, als hätte jeder Einzelne mit seinem Anfang etwas zutiefst Schmerzhaftes in Erfahrung gebracht.

Man nähert sich ihm möglichst gar nicht, oder nur, wenn man sich ganz sicher sein kann, dass sich das Erlebte nicht wiederholt.

Da man diese Sicherheit nicht hat, hält man die eigenen Anfänge in allen Kreaturen, die sie in sich tragen, von sich fern.

Ein hellroter Schmetterling erklärte es mir eines Tages auf unseren Lieblingsblüten hockend so: „Nur, weil du aus dem Feuer kommst, heißt es nicht, dass du das Feuer überlebst. Es heißt nur, dass du aus dem Feuer kommst.“ Er dehnte sich angestrengt, als er das sagte, doch es wirkte unkompliziert.

Wir wissen alle, wie furchtbar der Anfang ist.

Danach kann uns nichts mehr geschehen.

Das, womit das Leben endet, ist das Ziel.

Neben dem Fliegen liebte ich zu dieser Zeit die Esel. Die Esel waren vortreffliche Tiere und ich kannte einen Garten in meiner Umgebung, wo es gleich drei von ihnen gab. Ich liebte nicht nur ihren Geruch. Ich liebte alles. Ihr borstiges Fell, ihre treuen Augen, ihre Vierbeinigkeit.

Natürlich sind Esel unbeschreiblich groß. Sie sind so groß, dass ich viel Zeit brauchte, um sie vollständig zu sehen. Manchmal hatte ich den Wunsch genauso groß zu werden wie sie. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine sechs zittrigen Beine einen so großen Körper gehalten hätten.

Es blieb bei Beobachtungen.

Ich beobachtete sie immer dann, wenn ich wusste, dass sie die gesamte Zeit, die ich brauchte, um sie mir einzuprägen, stillstehen würden. Sie standen herum und starrten und ich konnte alles erfassen. Und so kann mich noch jetzt die Erinnerung an den Esel innerlich dehnen und weiten.

Manchmal fragte ich mich, ob ich noch größere Tiere ausfindig machen könnte und flog zu diesem Zweck bis hoch über die Bäume. Aber meine Augen waren zu schlecht. Es war nicht möglich, weit in die Ferne zu sehen. Also kehrte ich zurück zu meinen Eseln. Die unkompliziertesten Tiere meiner Welt.

Nur, dass der Esel nicht fliegen konnte, beneidete ich. Vielmehr als ich, musste er bleiben, wo er war.

Das schien mir ein unerträglicher Vorteil, um wirklich zu sein.

Wahrscheinlich konnten Esel deshalb Blumen erschaffen.

Sie zogen dazu Dreck in ihren Arsch hoch, und spien die Blumen aus dem Mund aus.

Darüber, dass ich selbst nichts erschaffen konnte, war ich mir beim Anblick der Blumen schmerzlich bewusst.

Es musste etwas damit zu tun haben, dass ich fliegen konnte und sobald ich Blumen sah, sah ich das Fliegen kritisch.

An einem Tag im Mai wurde einer der Esel von einem Blitz getroffen. Es war traurig ihn daliegen zu sehen.

Es erinnerte mich auf verschobene Weise an meine Geburt.

Diese Menschen, die wohl viele Aufgaben haben, kamen und schafften ihn weg. Sie hievten ihn in eine kleine Schubkarre, seine Beine ragten vorne heraus und ich sah ihn nie wieder. An diesem Tag habe ich ihm einen Namen gegeben. Aber den behalte ich für mich.

Alles Lebendige, was mir in meinem Leben begegnet ist, brauchte einen Namen. Der Esel bekam einen und ich flog davon.

Auch ohne Esel blinzelte ich in die Welt, in der ich sein wollte, bis ich mein Ziel erreicht hatte und war zufrieden. Ich trug zu keinem Anlass ein Trauerkostüm, denn auch ich wurde einst geboren.

Das Summen der Zikaden gab meinem Leben eine ferne Stimme. Darunter verbarg sich noch etwas anderes, ein dumpfes Geräusch, daneben noch etwas anderes, ein Blätterzittern. Oh, die Welt in Tönen und ich.

Dazu muss man wissen, dass meine Augen sehr groß waren und ich trotzdem besser hörte als sah. Sie zogen sich über meinen ganzen Kopf, konnten aber nicht nach innen schauen. Innen geschah mit dem, was sie sahen, das, was ich durch sie sehen konnte. Mehr nicht.

Für meine eigene Erscheinung war das Wichtigste, dass ich meine Feinde verwirrte. Damit ich in ihrer Welt überleben konnte, durften sie nicht wissen, wer ich war oder mussten immerhin glauben, dass ich gefährlicher war, als es schien, was auch nicht stimmte.

Überhaupt ist niemand gefährlich, den ich kenne.

Niemand.

Meine Erscheinung log also, mit dem Nebeneffekt, dass ich schön war. Ich war ein sehr schönes Tier. Und wenn das nichts half, nahm mein geschickter Flügelschlag die Rettung für mich vor.

„Ohne meine Flügel bin ich verloren“, dachte ich damals.

Es war gut, dass ich in meiner Schönheit nicht versank. Schließlich würde ich sie bald verlassen und die Erinnerung daran hätte mich, wenn ich es falsch anstellte, umbringen können.

Erinnerung ist sehr gefräßig, doch das lernte ich erst, als ich zu speien begann.

In der Blütezeit meiner abschreckenden Mimikry wiederum verweilte ich nach einem letzten erfolgreich von mir abgewehrten Angriff noch einige Stunden.

Wenn ich gewusst hätte, dass alles so schnell vergeht, hätte ich mehr Zeit gehabt. Mir fehlte das notwendige Gefühl, um es früher zu wissen.

Wie dem auch sei, waren Stunden später meine Flügel weich wie Stoff und hingen überfordert an mir herab.

Langsam falteten sie sich in mich ein, während ich neugierig staunte, was geschah.

Ich wusste noch nicht, dass sie sich nie wieder erhärten würden.

Es war für mich unausweichlich, aber trotzdem bin ich über die Euphorie resigniert, die sich in dem feuchten Zustand zu dieser Zeit in mir auslebte wie ein in den Himmel hineinplatzendes Feuerwerk.

Die Wärme der Euphorie bewies mir die absolute Unhaltbarkeit jeder Einschätzung neuer Erfahrung, bis zu dem Moment, in dem sie sich vollständig ausgelebt hat. Ob und wann dieser Moment kommen wird, wissen wir nicht. Und auch nicht, ob der Moment, den wir für den Gekommenen halten am Ende tatsächlich der ist, den wir mit ihm schon meinen wollen.

Allgemein ergibt sich, dass jede Bewertung falsch ist. Und ich hasse falsche Bewertungen. Sie sind so schön, wie ich es einst war, und doch sind sie es nur, wie ich es einst war, in Tarnung. Sie müssten sich erst die Flügel einweichen lassen, um alles über sich zu wissen.

In dem Moment, in dem sich meine Fühler, meine geliebten Fühler, die immer hinter mir herflogen, wie treue Freunde, die alles betasteten, sobald sie es mussten, die alles erfuhren, sobald sie es wollten, die manchmal auch geknickt hinterhertrotteten, die auch unzufrieden sein konnten, neckisch gegenüber meinem Flug, als also diese Fühler sich einzogen, meine Flügel vollkommen eingefaltet waren, ich in meiner eigenen Feuchtigkeit schmatzte, und aufgrund der neu entdeckten Formbarkeit kaum noch etwas an mir wiedererkennbar war, schlüpfte ich in meine Puppe.

Es war ein bisschen so, und das obwohl gar nicht viel Zeit vergangen war, wie wenn man vom Reden ins Summen mündet.

Meinen Körper durchströmte eine unbekannte Geschäftigkeit.

Wie anstrengend es war, in einer Puppe zu sein! Wie anstrengend ganz ohne Fühler!

Es krachte laut wie Bergwerkslärm: Ich sollte kein Schmetterling mehr sein.

Es geschah, wie alles bis jetzt geschehen war, folgerichtig, und ich spürte, wie viel ich vergessen musste. Es knabberte an mir, ich knabberte in mir und merkte, dass es keine Stille gab. Die Echos meines Lebens hallen in jedem Zustand wider. Ich konnte nichts tun. Ich tat alles in den Echokammern. Nur ein dumpfer Laut, der sich in einen Schrillen verwandeln konnte. Der schrille Laut ist das Echo des dumpfen Lautes. Es gibt keine Lebensstille. Es gibt nur unscharfe Wiederholungen. 

Bis heute weiß ich nicht, warum mir das alles nicht früher klar war. Warum ich es erst wusste, als meine Flügel verschwanden und sich im Arm der Puppe, in der ich lag, auseinanderschnitten. Warum ich bis zu diesem Moment gewartet hatte, um zu diesem Moment zu kommen. Warum musste ich zuerst im Glas und dann im Himmel sein? Ich weiß es nicht.

Ich weiß es nicht, aber ich kann mich nicht um gar nichts scheren, also muss ich leben. Leben heißt, sich durchgehen lassen.

Es musste sein und es fühlte sich gut an, in der Puppe zu sein. Die Puppe war das erste Gefängnis, das ich liebte. Ein Schutzraum, in dem ich mich auseinandernehmen konnte. Meine herzschlagende, für mich geborene Gebärpuppe. Und nun, wo ich es tat, hätte meine Sehnsucht es zu tun, nicht größer sein können. Also tat ich es. Monatelange, für immer. Viel länger als ich geflogen bin. Viel länger als ich lebte.

Ich tat es und wusste nie ganz, was ich tat. Wusste nie ganz, wer es war, der es tat, und hielt diesen jemanden doch für mich. Ich war es. Ich musste es sein, aber ich wusste nie, wer es war. Ich wusste es nie.

Mit der Zeit verwandelte sich die Puppe, in der ich lebte und in der ich mich änderte, zu etwas, was keine Puppe mehr war.

Meine Puppe verausgabte sich in eine Haut.

Diese Haut zeigte sich dadurch, dass sie dünn war wie Haut.

Luft wehte durch meine Haut. Ich fürchtete mich. Hatte Angst durchstoßen zu werden durch meine Haut, Angst meine Haut zu verlieren.

Angst.

Es war schwierig sich vorzustellen, wie das, was ich war, in dieser Haut leben sollte.

Bevor ich länger überlegen konnte, spürte ich den starken Impuls mich zu rühren. Ich rührte mich, streckte mein Glied in alle Richtungen und begriff, dass ich mich bewegen konnte. Und ich begriff, wie ich es konnte.

Ich hatte keine dünn gespitzten Beinchen mehr, keine Flügel, keine Fühler, denn das, was ich bewegen wollte, war alles eins.

Ein Körper, ohne besondere Ausuferungen, die sich voneinander unterscheiden ließen. Meine Puppe hatte mich zu einem Ganzen geformt. Dafür hatte sie meine Flügel ausgerissen und meine Fühler geschmolzen: Ich war nun ein einziges dickes Band, ein Knäuel, ein ohne Ausscherungen undefinierbares Grünes.

Und so lernte ich zu kriechen.

Ich genoss das Kriechen sehr. Mit der Zeit kroch ich genussvoll durch den Wald, in dem ich immer noch lebte. Es war derselbe Wald. Und doch war es ein vollkommen anderer Wald, als der, den ich dachte zu kennen. Diesen gut bekannten Wald hatte ich noch nie gesehen. Es war unmöglich zu sagen, wie anders alles aussah. Jedes Blatt hatte eine andere Farbe. Jedes Geräusch einen anderen Ton. Ich dachte, ich hätte die Äste gekannt, die Bäume. Aber ich kannte sie erst jetzt, wo ich in der Lage war, sie mit meinem ganzen Körper zu spüren. Besonders liebte ich die Wurzeln. Die Wurzeln waren mir vorher gar nicht klar gewesen.

Nichts war mir klar gewesen, als ich noch fliegen konnte.

Ich hatte die Welt von so einer schrecklichen Überheblichkeit aus übermessen, dass ich es für ein Klischee hielt, was man allen Fliegenden andichtet.

Aber vom Boden aus wurde, was im Himmel ein Klischee war, zu meiner einzigen Realität.

Wie konnte das sein? Ich wusste es nicht.

Was ich wusste, wusste ich vom Kriechen. Ich nahm jeden Stein wie er kam, um mich an ihm zu schmiegen. Nahm jede Wölbung wie ein gutmütiges Tal, jede Erhebung zu meinen lustigen Bergen.

Und ich spie! Oh, wie ich spie!

Ich spie den halben Wald aus, während ich kleiner und kleiner wurde. Jedes Mal, wenn ich eine gewisse Kleinheit erreicht hatte, fiel mir meine ausgeleierte Haut ab, wie ein über mich geschmissenes Tuch.

Lose Haut lässt sich gut abstreifen, wenn man klein wird.

So liegen heute mehrere verlassene Häute von mir im Wald. Ich kroch ohne Rückblicke weiter und ich habe keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist.

Es war herrlich. Ich war begeistert, was ich nun alles konnte. Begeistert zu wissen, was eine Puppe war.

Die Puppe hatte mich zu einem Schaffenden gemacht. Nun konnte ich, genau wie viele andere, schaffen, was um mich herum existierte.

Ich wusste nie, was kommen würde. In mich aufnehmen, wie einst der Esel, konnte ich nichts.

Das war mein Makel, für den ich mich schämte, aber um ihn zu kompensieren, war ich eifriger als alle, die ich kannte, auszuspeien. Niemand in meiner Umgebung spie so viele Blätter aus wie ich.

Man könnte sagen, dass ich in der Zeit meiner Verkleinerung einen ganzen Baum vollkommen allein beblättert habe, aber ich will nicht übertreiben.

Übertreibungen sind für diejenigen, die niemals Flügel hatten.

Ich verstehe sie, doch ich weiß nicht, ob sie noch etwas anderes zu sagen haben.

Oder was ist mit den Vögeln? Verwandelten sie sich alle eines Tages in einen Wurm? Wenn ich einen Wurm traf, nickte ich ehrfürchtig mit meinem ganzen Körper, immer daran denkend, dass er sich aus einem Adler erschaffen haben könnte. Ein Kraftakt, der mir unermesslich schien. In diesem Sinne sah ich Würmer, die Adler waren, Ameisen, die als Vogelspinnen lebten, Maulwürfe, die Bären abtrugen und Fische, die aus Störchen entstanden.

Nicht alle Formen und Arten ließen sich für mich in diesem Zeitraum überblicken und ich habe wohl vieles verpasst, was möglich ist.

In was die Menschen mutierten, habe ich zum Glück nie erfahren. Ich konnte mir vorstellen, dass aus ihnen gar nichts wurde. Das lag vielleicht daran, dass sie zu lange an mir vorbeigezogen sind. Ich war satt von den Menschen. Und wen man satthat, den kann man nicht einschätzen. Vielleicht wollte ich ihnen die Veränderung nicht gönnen. Vielleicht wollte ich, dass ihre Falten statisch blieben. Ihre Finger knochig. Ausgeschlossen, dass sie etwas so Erhabenes werden konnten wie ein Wurm.

Würmer sind die Aristokraten der Welt. Das weiß ich, weil ich sehr vielen Würmern begegnet bin, und sonst würde ich es auch nicht wissen. Aber wie sie schauen und wie sie sich in den Boden bohren, wie geschmeidig sie in die Erde tauchen, wie sie die Erde aufwühlen und auflockern und wie sie dabei fühlen. Sie kommen mir wie solche vor, in deren Brust fünf Herzen schlagen. Eine erhabenere Form kann es nicht geben.

Eines Abends, als ich schon ziemlich klein war, so klein wie ein Streichholz, bin ich einem Frosch begegnet. Es wunderte mich, denn Frösche sind in meinem Wald selten. Er war so nervös, dass sein Körper zitterte.

Mittlerweile war ich sehr ängstlich geworden. In meiner Streichholzzeit war alles um mich herum zu groß. Die Bienen waren zu groß, die Vögel waren furchterregend groß, alles.

Ich wusste, dass es in Wahrheit anders aussah, das hieß, in meiner früheren Welt, konnte aber nichts dagegen tun. Meine Erinnerung war lebendig. Natürlich war eine Schnecke nicht groß. Schnecken waren immer kleiner als ich gewesen.

Dennoch musste ich hochsehen, man stelle sich das vor: zu einer Schnecke!

Ich bin froh, dass ich zu dieser Zeit keinem Esel mehr begegnet bin. Es wäre zu viel für mich gewesen, ihn nur von unten zu sehen und zu wissen, was ich alles nicht mehr an ihm sehen konnte. Zu wissen, welche Perspektiven es gab, ohne sie selbst zu erleben. 

Aber nun stand der Frosch vor mir. Der Frosch harrte in einer unmöglichen Position aus, bis er nah an mich heransprang. Ich glaube, er wollte mich küssen. Jedenfalls zitterte das Blatt, das ich gerade ausspie, während er sich langsam zurückzog. Ich blickte ihm in seine glitschigen Augen, als er ging.

Ob sein Ansprung mir gegolten hatte, wusste ich nicht. Alles, was ich wusste, war, dass er ging. Nur gesetzt den Fall, dass Esel sich in Frösche verwandeln, wenn sie von Blitzen getroffen werden, hätte diese Begegnung einen Sinn.

Dennoch musste ich aufpassen. Je kleiner ich in diesem Wald wurde, umso größer wurden die Feinde.

Zum Ende hin war ich so klein, dass ich die Blätter in Stückchen ausspeien musste. Sie kamen aus mir heraus und hefteten sich an die vorangegangenen aus mir herausgekommenen Stückchen. Vergeblich versuchte ich ein ganzes Blatt auf einmal auszuspeien, aber es ging nicht mehr.

Ich erklärte mir meine durch die zunehmende Kleinheit errungenen Mängel als gut begründet. Jeden Zentimeter, den ich weniger brauchte, hatte alles um mich herum mehr Platz. Und mehr Platz bedeutete, mehr Leben.

Auch, wenn ich keine Blätter mehr schuf, so schuf ich doch den Platz für die Blätter. Und auch, wenn alles um mich herum größer wurde, so konnte ich, umso kleiner ich war, doch viel genauer erfassen, was Größe ist.

Ich schuf den Platz und ich bewunderte alles, was diesen Platz einnahm.

So verbrachte ich meine letzten Tage in ergebener Genugtuung und grollte weder mir noch meiner Umgebung.

Eines letzten Tages im Mai kroch ich mit der letzten Kraft, die ich hatte, geleitet wie mir schien, von magischen Kräften, auf eine Pflanze, die die letzte Pflanze meines Lebens wurde.

Es hätte keine andere sein dürfen. Es musste diese sein.

Sie hatte ein längliches und ein geschwungenes Blatt und dünne, feine Sinneshärchen. Sie war die schönste Pflanze, die ich je gesehen habe. Und auch, wenn mir meine Augen langsam ausgingen, mein Blick weich und verschwommen wurde, wünschte ich mir doch, dass ich ein solches Blatt selbst ausgespien hatte.

Doch was ich in dem Wald, in der Zeit, die ich hatte, hervorgebracht habe, konnte ich nicht mehr erkennen. Weder finden noch suchen, weder riechen noch schmecken. Ich konnte mich nur noch erinnern. Ich musste mich erinnern, damit es mein Leben gab.

Trotzdem wünsche ich mir, dass es wichtig blieb.

Für irgendetwas, was ich nicht mehr sehen kann. Für jemanden, der auch ich sein könnte. Wichtig: für mich.

Auf dem letzten Blatt angekommen bewegte ich mich nicht mehr und wurde ein Ei. Wenn es an der Zeit war, würde ich als solches eingefädelt werden, wie eine Perle auf eine Kette. Doch alles, was ich dafür tun konnte – fliegen, verpuppen, schrumpfen – hatte ich getan.

Fast schon war ich ich.

Der, der ich immer sein wollte.

Diesen Namen hätte mir der Mensch geben sollen, als er mich mit seinem Kescher in die Luft warf. Doch er schwieg nur und wedelte. Ich wünschte mir sehr diesen Namen, doch niemand hatte mich nach mir benannt.

Trotz allem habe ich nun endlich in die schleimige Röhre eines rot-gepunkteten Schmetterlings gefunden und kann ihn von innen heraus erkennen. Den nie gefundenen Namen, ich, ein dunkler Traum im Wald einer Welt voller Schlösser.

Denn der Schmetterling ist ein Schloss.

Nicht vorstellbar, dass ich selbst ein Schloss gewesen bin. Erst, seitdem ich ein Teil eines solchen Schlosses bin, ist ein Schloss für mich in der Welt.

Ein Lustschloss, ein Luftschloss, ein Gefängnisschloss, ein Schwellenschloss. Was ich früher alles nicht war. Früher, als ich selbst ein Schloss war, im Himmel, war ich nur ein freigelassenes Wesen. Ich kam aus der mich erstarrenden Geburt viel mehr, als dass ich in die Welt zog. Ich konnte nicht anwesend sein, ich war freigelassen. Als ich ein solches Wesen war, und nicht von Schloss umgeben, und als solches über Land flog, gab es kein Schloss, nur die Welt, nur die Hügel, nur den Wald, nur das Glas, nur die starrenden Blicke, nur mich allein. Die vorherige Eingeschlossenheit hatte mich ausgeschlossen.

Jetzt, wo ich weiß, wer ich bin, bin ich niemand mehr und gehe endlich in Luft auf.

Bald. Endlich.

Derjenige, der ich jetzt noch bin, wird in genau dem Moment verglühen, auf den ich jetzt noch warte.

Das ist das angenehmste Warten der Welt.

Wohlig, leise und still.

Alles, was jetzt geschieht, ist in sich längst vollendet.

Ich werde mich auflösen, ich.

Auflösen werde ich mich, sobald der Grund meines Lebens erreicht ist: das glühende Ei zwingt zwei Flügelschlagende so dicht wie es geht im Himmel zusammen.

Sie rühren gereizt ihre Fühler.

Schon in diesem Moment,

ich weiß es nicht,

aber ich glaube,

der Rückzug ist Liebe.

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