In der letzten Stadt, in der ich wohnte, lagen viele Steine.
Ich starrte mehrere dieser Steine oft und lange an. Verfolgte mit meinen Augen ihre Formen. Stand vor ihnen wie auf einer Hochzeit in einer hinteren Reihe und lugte durch die Köpfe, die vor mir standen.
Die Steine wunderten mich.
Wirkten wie hingeworfen oder manchmal auch vom Himmel mit Bänden niedergelassen.
Wer ist dort oben?
Für beide Möglichkeiten waren die meisten dieser Steine aber, glaube ich, zu schwer. Sie kamen mir sehr schwer vor, die Steine, auch schwierig.
Einmal sah ich große Steine, kleinen ertrunkenen Walkörpern ähnlich, am Meer liegen. Oder sie waren nur die Walbäuche und wölbten sich weich in ihren Formen, seelenruhig und allein. Es gab kein Fleisch aus ihnen auszureißen. Sie atmeten nicht, oder unterdrückten es gut, direkt vor dem leise schwankenden auf dem Boden als Fülle liegenden Wasser. Auch ganz unten, wenn man die Steilküste hinabging, waren welche da. Sie waren zu unbequem zum Sitzen, feucht und hinterließen Dreck auf Jacken.

Ich musste die Steine immer anstarren. Was war das hier mit den Steinen?
Auch wo ich jetzt wohne, gibt es einen Stein. Er ist der zweite der Stadt, der sich mir eingeprägt hat und er liegt direkt neben den Mülltonnen.
Wahrscheinlich ist der Steingedanke oder die Steinerfahrung die konsistenteste der letzten paar Jahre: wo ich wohne, liegen Steine.
Aber in der letzten Stadt, in der ich wohnte, in einem Gewerbegebiet mit vielen Einkaufsmöglichkeiten ohne Daseinsöffentlichkeit unter dazu oft grauem Himmel, lagen auffällig viele Steine.
Sie wirkten unendlich. Sind Steine unendlich?
Ich bräche mir die Finger, würde ich sie anschlagen. Aber ich schlage sie nicht an. Ich lasse sie in Ruhe! Liegen! Da!
Ein Stein in der letzten Stadt, der stand in der Mitte eines Zirkels. Wir bogen an ihm vorbei, ab in Richtung Feld oder in Richtung Meer. Dann konnte man den Stein vergessen.
Diesen spezifischen Umdrehungsstein habe ich auch auf einem Plakat im Rewe gesehen. An einem belanglosen Nachmittag als ich die Milch suchte. Ich trinke nicht gerne Milch, aber an diesem Tag, wo ich den Stein gesehen habe, wollte ich Milch trinken und das hatte nichts mit dem Stein zu tun, es war schon vorher so.
Die wandweite Abbildung des Zirkelsteins am Ortsausgang sollte wahrscheinlich keine Werbung für den Stein, sondern eher einen lokalen Stolz ausdrücken: „Wir haben bei uns viele Steine, sehen Sie, auch hier, im Rewe, wo man sonst nur die Milch kauft.“
Diesen spezifischen, also berühmten Stein habe ich mit Abscheu angeschaut, oder mit Langeweile, ich kann das oft nicht unterscheiden. Er war nicht hingeschmissen, sondern er war inszeniert. Ihm fehlte jede Schwere und außerdem war er künstlich zerteilt worden und zwischen seinem Ober- und Unterteil klaffte ein Loch. Im Winter trug er Lichter. Im Sommer blieb er nackt. Das hat mich jeweils abgestoßen: Die Inszenierung des Steins am Ortseingang, der auch der Ortsausgang war. Auch dass man sich, wenn man wollte, ewig um ihn im Kreis drehen konnte, es zur Hälfte aber immer mindestens musste: Beim Stein links, könnte jemand gesagt haben, vor dem Stein rechts, aber ich habe es nie so gehört.
Natürlich habe ich mich gefragt, warum, wo in anderen Städten Blumen gepflanzt werden, in diesem Gewerbegebiet, wo ich wohnte und wo der Himmel dreckig war wie ausgekippter Schotter, überall Steine lagen. Ob sie mit der Tiefe an Gewicht zunahmen? Ob sie hier in der Tiefe waren? Ob sie sich irgendwo wie Lawinen aus Kieseln zusammenfassten und dann für uns spurlos aus allen einzelnen verschmolzen?
Auch hier liegt jetzt, wie ich erwähnt habe, ein schwerer Stein.
Ist es möglich, dass er die Stadt aufmuntern soll? Sollen die Steine hier auf dreckigen Grasflächen liegen, um zu sagen, hier sei es schön? Wie unglaubwürdige Kühe?
Mich ziehen diese Steine runter als wären sie an mich selbst gekettet und ich ginge in einen See.
Nur schon im Anblick fühle ich ihre Schwere, ihre auf die Folie der Welt gelegte Schwere, die Blatt festhaltende Sturheit.
Vielleicht werde ich den neuen Stein, den neben den Mülltonnen, bald schon umdrehen.
Vielleicht kommt etwas zum Vorschein.
Dafür wird es viele Hände brauchen. Ich werde Hände für den Stein finden müssen.
Hände für den Stein.
Geben Sie mir Ihre Hand?
Dann drehen wir ihn um.
Und später gibt es heiße Schokolade.
Und Applaus für unsere mutige Aktion.
Eine weitere Option ist, dass ich werfen muss.
Auf was genau, ist noch nicht klar. Wohin, wer weiß schon…
Aber werfen, ja.

Endlich Steine werfen.
