Wir saßen an ihrem Tisch und mussten die Deutschlandfahne malen.
Draußen im Garten wehte der Wind.
Die Deutschlandfahne besteht aus drei Strichen. Diese Striche sind horizontal geradlinig aneinander ausgerichtet. Jeder meiner Striche, der den dünnen Strich der Trennlinie übermalte, erzeugte zunehmend Unlust. Wenn die schwarze Farbe auf die rote kam, musste man die Trennung der schwarzen Farbe verschieben und die rote Farbe übermalen. Das helle Gelb, dass das Gold darstellen sollte, musste permanent übermalt werden, damit es kräftiger wurde als es im Stift angelegt war.
Ich wechselte permanent die Strichrichtung, bis ich überhaupt keine Lust mehr hatte, weil meine Fahne hässlich aussah. Buntstifte sind grausam. Ich wollte wenigstens andere Farben, aber es gab nur drei. Drei Farben, drei Buntstifte. Ich musste sie mir mit meinen Cousinen teilen.
Wir waren zu fünft und es gab nur drei Farben. Das hieß ich musste warten, wenn meine Farbe in den Händen einer der anderen war. Wenn mir eine Cousine den Buntstift gab, war er stumpf und ich musste ihn anspitzen.
Außerdem wackelte der Tisch, sobald ich mich auf mein Blatt beugte. Ein Bein des Tisches war kürzer als die anderen drei Beine, so als habe dieses Bein sich von allein stumpfgestanden. Jedenfalls wackelte der Tisch, was das Malen nicht leichter machte.
C. stand hinter uns in der Küche und beobachtete uns mit zusammengekniffenen Augen. Ihre Ausstrahlung war kompliziert. So als habe sie etwas sehr Wichtiges zu tun und sei jetzt aber mit uns in der Küche gefangen. Sie wirkte ungeduldig und pflichtbewusst. Es war offensichtlich, dass sie nicht machen konnte, was sie wollte, und wir deshalb jetzt auch nicht machen konnten, was wir wollten: wir mussten die Fahne malen, sie musste uns dabei zuschauen. Sie malte nicht mit und ich habe nie herausgefunden, was es denn dann war, was sie stattdessen tun wollte.
C. war unsere Uroma.
Ihr Mund roch nach unechten Zähnen, ihre Haut war ein papierledernder Faltenwurf, der sich über all ihre Knochen streckte und ihre Augen funkelten, wenn sie sie zusammenkniff, wie die Augen von Märchenhexen.
Sie gehörte zu den Uromas, die schon sehr bald sterben, und an die man sich kaum erinnern kann. Nur wenige Augenblicke ihres sehr langen Lebens würde sie mit uns verbracht haben. Wir waren ihre Nachkommen. Sie konnte uns nicht einschätzen. Es konnte alles aus uns werden. Es war unmöglich, etwas über das Wesentliche, was aus uns werden würde, herauszufinden.

Das hatten wir gemeinsam, an der Schnittstelle unserer verschiedenen Zeiten stehend, wussten wir nichts voneinander und würden auch nie mehr voneinander erfahren.
Auch wir wussten nicht, wer sie gewesen war. Wir trafen uns in der Mitte der Zeit, in der ein langes Leben vorbeigeht und ein neues Leben beginnt. Wie als wären wir uns mitten auf der Straße begegnet, wenn man über die Ampel geht. Es fehlte die Zeit zu fragen.
Uroma C. aß gerne Kartoffeln. Sie kochte sehr viele Kartoffeln. Außerdem besaß sie einen Kirschbaum, der im Frühjahr blühte. Wenn sie diesen Kirschbaum sah, dann lächelte sie anders als sonst, allwissend. Ich weiß nicht, warum sie nur bei dem Kirschbaum so lächeln konnte.
Für mich war der Kirschbaum ein Kirschbaum und ich konnte nicht viel mit ihm anfangen. Ich konnte mich hinter ihm verstecken und ihn hochklettern. Und dann konnte ich die Kirschen essen. Aber was konnte ein Kirschbaum noch?
Ich konnte mir nicht vorstellen, was Uroma C. für ein Leben hatte, bevor ich existierte. Ich glaubte nicht daran, dass es eine Welt vor mir gab. Ich war immer schon da.
Aber es ist dennoch wahr, dass Uroma C. ein langes Leben hatte, in dem ich keine Rolle spielte. Vielleicht als eine abstrakte Vorstellung einer vagen Zukunft. Aber nicht als Manifestation eines Körpers wie dem meinen.
Kurz vor ihrem Tod beobachtete ich Uroma C. wie sie eine Kirsche vom Kirschbaum pflückte. Mit 95 Jahren stellte sie sich, um zu pflücken, auf ihre Zehen. Sie schmatzte mit ihrem knittrigen Mund an der Kirsche herum, und spuckte dann, soweit sie konnte, den Kern aus. Sie zwinkerte mir kaltherzig zu: „Damit ein neuer Kirschbaum wächst.“ Das Konzept kannte ich schon aus dem Gedicht mit dem Birnbaum, sah aber nie einen neuen Kirschbaum an der Stelle wachsen, wohin der Kern von ihr gespuckt worden war.
Als Uroma C. kurz darauf starb, spürte ich eine Anspannung im Zimmer, in das das Telefon mit der Nachricht hineingeklingelt hatte. Ich war nicht traurig, überhaupt nicht. Uroma C.s Tod war das Aufregendste, was mir bis dahin passiert war. In meiner Welt war es nicht normal, zu sterben. Die Menschen, die ich kannte, damit meine ich alle Menschen, die ich kannte, starben nicht, sondern sie lebten.
Und da sie lebten, war es ein großer Moment für mich, als Uroma C. starb. Die Atmosphäre war bedeutungsvoll. Plötzlich schien das, was geschah, wichtig. Diese Wichtigkeit war etwas wonach ich mich gesehnt hatte. Und nun, wo Uroma C. gestorben war, das heißt, wir bekamen einen Anruf, dass sie tot ist, würden wir bessere Menschen sein. Ich habe das sofort gemerkt. Meine Mutter hatte liebevolle Augen, mein Vater blieb still, meine Oma weinte und alle wurden aufmerksam.
Dann kam die Beerdigung, denn ich habe sie nie tot gesehen. Ich hätte gerne gewusst, wie sie tot aussah. Ich hätte ihr auch gerne Fragen zum Krieg gestellt, als sie noch lebte, das konnte ich aber nicht, denn ich wusste nicht, dass es einen Krieg gegeben hatte, der sie betraf. Bis ich ungefähr 15 war, konnte ich mir die Vergangenheit überhaupt nicht vorstellen.

Die Vergangenheit war für mich sehr abstrakt. So als würde man von einem Himmel sprechen, in dem Autos fliegen, aber das betraf die Zukunft und ich glaubte es ebenfalls nicht. Und also habe ich erst spät verstanden, dass es einen Krieg gab, weil ich sehr lange brauchte, bis ich begriff, dass die Zeit vor hundert Jahren, genauso eine Zeit war, wie die Zeit jetzt eine Zeit ist und nicht mit der Zukunft zu vergleichen.
Auf der Beerdigung wurde mittelmäßig viel geweint. Meine Oma schluchzte. Es klang, als würde man ihr die Nase zuhalten, während sie niesen muss. Der Lebenslauf meiner Uroma blieb eine lange Aufzählung von Dingen, die alle nichts mit meiner Uroma zu tun hatten. Die Worte, die mit ihr in Zusammenhang gebracht wurden, während ihr toter Körper hinter dem Holz lag, sie musste schließlich in diesem Sarg sein, auf den wir starrten, doch ich konnte es mir nicht vorstellen, waren für mich so tot wie sie. Schließlich lebte sie in mir weiter, aber in diesen über sie verhängten Worten lebte sie nicht. Ich verstand gar nicht, was diese Worte in dieser Rede zu suchen hatte. Es war ein abstraktes Leben, dass es nie gegeben hatte. Meine Uroma hatte Mundgeruch, das war meine Uroma, stattdessen sagte man sie sei in Hamburg geboren. Was ist das genau, Hamburg? Ich wusste, dass ich das nicht verstehen konnte, aber ich war auch sehr dumm. Die Erwachsenen wussten, wovon sie redeten, ich wusste es nicht. Für mich war das doppelt tot.
Meine Uroma hatte eine bekümmerte Aura, so als müsse sie mir verheimlichen, dass sie ihr Leben verpasst habe, das wusste ich. Aber sie konnte es mir nicht verheimlichen, also erklärte sie nichts. Das war ihre Art es zu verheimlichen. Nichts zu erklären. Viele Erwachsene machen das so. Und mir fielen keine Fragen ein, weil ich es immer schon wissen sollte, bevor ich noch fragen könnte und so blieb ich unwissend.
Uroma C. wurde in einem Sarg in die Erde hinabgelassen. Dieser Sarg war aus Holz, doch man durfte nicht gegen ihn gegenklopfen, durfte nicht sein Ohr an den Sarg pressen und die Stille hören. Alle verhielten sich in Gegenwart des Sarges anders als sonst. Das war unglaublich. Alle trugen schwarze Kleidung und die kleineren Kinder waren sowieso gar nicht da. Niemand, mit dem man spielen konnte. Alle setzten ernste Mienen auf und hatten schicke Frisuren. Selbst die Männer hatten schicke Frisuren. Meine Mutter trug, soweit ich weiß, zum ersten Mal in meinem Leben blaugrünen Lidschatten. Es war schwer herauszufinden, ob alle traurig waren. Konnten alle gleichzeitig traurig sein? Das schien mir komisch. Eine Form von Fasching. Vielleicht war ich die Einzige, die auf der Beerdigung nicht traurig war. Aber ich fand es nicht schlimm. Falls ich die Einzige sein sollte, die nicht traurig war, dann umso besser. Alle waren traurig, nur ich nicht. Ich hatte das Glück, dass ich eine Maske aufsetzen konnte und darunter frei war. Ich weiß nicht, ob sich jemand fragte, ob ich traurig bin, schließlich war ich ein Kind. Aber hinterher war alles umgekehrt. Wie als hätte man die Vorhänge plötzlich aufgezogen und der Raum erstrahlte. Alle saßen derart erstrahlt in ihren schwarzen Klamotten zusammen und aßen Mettbrötchen mit Zwiebeln. Man trank auch Kaffee und die Kinder waren wieder da. Ich fühlte mich sehr erwachsen. Schließlich war ich kein Kind mehr. Das Gefühl, was ich hatte, war verschwunden. Alles war wie immer. Alle redeten wild durcheinander und lachten. Ich genoss den Rest des Tages, aber das Wichtigste war geschehen. Uroma C. war jetzt in der Erde. Das fand ich gar nicht komisch. Komischer fand ich, dass ich danach nie wieder eine einzige Deutschlandfahne malen musste.
Obwohl ich an sie denken musste. Daran, dass sie jetzt auf dem Friedhof war und wir in dem Gasthaus. Als hätte man sie vergessen.
Und später, dass niemand wusste, wie Uroma C. aufgewachsen war. So als habe ihr Leben nur aus dem Teil bestanden, den andere von ihr kannten. Das war also Tatsache.
Man kannte ein anderes Leben nur, wenn man es selbst erlebt hatte. Und dann fühlte es sich sicher an, wie die Kirsche im Mund einer alten Frau, die den Kern nicht mehr weit spucken kann.
